Episode

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Ich ziehe eine Linie,

ich schaufle einen Graben,

schwarzes Wasser 
fliesst hinein.




Geometry of Grief,

On Claudia Sarnthein's
Episode

Measuring grief - somehow sounds ill measured. Grief is immeasurable. Grief is measureless. Grief knows no bounds; grief overflows, blurring outlines. Grief is the opposite of ratios in orderly proportions, of coordinates, straight lines, surfaces, and angles. That at least is what seems to be conveyed within the framework of language. Claudia Sarnthein's installation Episode points to a different line of enquiry.

Ich ziehe eine Linie
[I draw a line]: out of which stems the will to condense. Not as in drawing a line under  - an outcome, a bottom line - but drawing as in delineation. A fine line that meanders its way around angles, transforms itself into points, planes, circles. Interlaced through the crosshairs of a fleece or rug pattern, like the 'broken ink' (habuko) in a Zen painting. Meanwhile remaining completely in and of itself: like a shepherdess of contrast keeping grey tones in check. Without destroying it, this line - of grief - cuts through the emblematic language that admonishes of the victims of war, creating space for innocence. How grave it is to withstand just this. Yet, it must be withstood. The proverbial sweeping-under-the-carpet of innocent victims / innocence's sacrifice is hindered. The way there is barred by a crouching tiger, who, at the whisper of an eyelash, might spring from his tapestry at the foot of a sculpture, suspending girl and lamb in the most tender and intimate of embraces. It is solely the black line, which cuts through the installation's iconographic wit: dicing black humour in with pictorial clichés, interfering with how they come into play. With its glazed plaster eyes, which seem to hold captive some abysmal trepidation that is sublimated by the incisiveness of the line, the innocent lamb in allocated centre stage in the work, beyond the realm of naiveté. Emblem of sacrifice, but also symbol of salvation: Behold the Lamb of God, who takes away the sin of the world. (Book of John, 1:29)

As if resisting against the precise implacability of the line that dominates the black and white space all-round, as if the hope for salvation, for vitality, were trying to conquer a place apart, it finds its medium in glass. In the empty glass tumbler on the narrow rostrum, in the sheet of glass on the balustrade.

Schwarzes Wasser
[Black water], deep as the line of grief, has not permeated the glass and impedes the plate glass from glistening green around the rim. This refraction of crystal, this faceting of glass, which casts the installation title in a dancing light - Episode - indefinitely adding on and playing into it. It remains immeasurable.


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Geometrie der Trauer,
Zu Claudia Sarnthein's Episode

Die Trauer vermessen - das klingt unangemessen. Trauer ist unermeßlich, Trauer ist maßlos; Trauer kennt keine Grenzen, Trauer überschwemmt, verwischtdie Konturen. Trauer ist das Gegenteil einer Festlegung in geregelten Verhältnissen von  Punkten, Geraden, Ebenen und Winkeln. Dies jedenfalls legt uns die Sprache nahe. Die Installation von Episode von Claudia Sarnthein zeigt uns etwas anderes.

Ich ziehe eine Linie. Daraus spricht der Wille zur Verdichtung.  Nicht ein Strich wird gezogen - unter ein Vorkommnis, ein Resultat -, sondern eine Linie. Diese feine Linie findet ihren Weg um Winkel, transformiert sich in Punkte, Flächen, Kreise. Sie läßt sich ein in die Maserung eines Fells, das Ornaments eines Teppichs, in die Pinselstriche einer an die „gebrochene Tusche" (haboku) erinnernde  Malerei des Zen - und bleibt doch ganz bei sich: als Wächterin des Kontrastes, die die Abmischung in Grautöne nicht zulassen will. In einer Bildsprache, die an Opfer eines großen Krieges gemahnt,  wird ein Raum von Unschuld erschaffen, den die Linie der Trauer durchzieht, ohne ihn zu zerstören. Wie schwer ist es, gerade dies auszuhalten. Und muß doch ausgehalten werden. Das sprichwörtliche Unter-den-Teppich-kehren unschuldiger Opfer/geopferter Unschuld  ist verwehrt. Der Weg dorthin ist bewacht von einem lauernden Tiger, den nur ein Wimpernschlag vom Sprung aus dem Gewebe zu trennen scheint. Er liegt zu Füßen einer Skulptur, das Mädchen und Lamm in zartester und hingebungsvollster Innigkeit zeigt. Es ist allein die schwarze Linie der Installation, die den Witz des Bildes, der aus den in Szene gesetzten Klischees lebt, zerschneidet und nicht zum Zuge kommen läßt. Das Unschuldslamm, in dessen gipsstumpfen Augen der abgründige Schrecken gefangen zu sein scheint, den die Präzision  in der Linie sublimiert, kann so abseits jeder Naivität als Zentrum des Werks fungieren.  Sinnbild von Opfer, Sinnbild aber auch des Wunsches nach Erlösung: Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt (Johannes I, 29). Als wollte sich diese Hoffnung auf Erlösung, auf Lebendigkeit, im Widerstand gegen die präzise Unerbittlichkeit der Linie, die den weiß-schwarzen Raum allseitig beherrscht, einen Ort jenseits davon erobern, findet sie ein Medium im Glas. Im leeren Trinkglas auf einem schmalen Gebetspult, in der gläsernen Platte auf einer Balustrade.

Das schwarze Wasser, das in die Tiefen der Trauerlinie fließt, hat das Glas nicht gefüllt und auch nicht verhindert, daß die Kanten der gläsernen Platte grünlich schimmern.  Sind es die Brechungen im Kristall, die Facetten des Glases, die ihr tanzendes Licht werfen auf den Titel dieser Installation: Episode - das Hinzukommende, das Hineinspielende. Es bleibt unberechenbar.

Dr. Birgit Griesecke, 2015




(Transl. Selene States)